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„... die Gegenwart eines die Gewöhnlichkeit übersteigenden Talentes.“

Vorträge

„... die Gegenwart eines die Gewöhnlichkeit übersteigenden Talentes.“

Zu den Berliner Gastspielen der Starballerinen des romantischen Balletts

30. November 2011, Ballett-Universität, Institut für Theaterwissenschaft, Freie Universität Berlin

Die Berliner Gastspiele der fünf großen Ballerinen des romantischen Balletts Marie Taglioni, Fanny Elßler, Carlotta Grisi, Fanny Cerrito und Lucile Grahn, sind, wie so viele Aspekte der Berliner Ballettgeschichte, kaum erforscht.

Marie Taglioni gastierte nur 1832 an der Spree, als ihr Vater Filippo die wenige Wochen zuvor in Paris uraufgeführte „Sylphide“ in Berlin einstudierte. Diese Produktion war eine reine Familienangelegenheit: Marie tanzte die Titelrolle, ihr in Berlin engagierter Bruder Paul den James und Pauls Frau Amalie (geb. Galster) die Effie. Die Berliner waren damit die ersten, die das neue, epochemachende Werk außerhalb von Paris zu sehen bekamen.

Auch Fanny Elßler hatte persönliche Verbindungen nach Berlin: Ihr Bruder Johann war Chorleiter an den Königlichen Schauspielen und zudem hatte sie Anfang der 1830er Jahre ein Verhältnis mit dem in Berlin engagierten Tänzer Toni Stullmüller. Fanny Elßler gastierte ihre gesamte Karriere lang immer wieder in Berlin, erstmals 1830, zuletzt 1849. In den ersten Jahren trat sie gemeinsam mit ihrer älteren Schwester Therese auf, die später Prinz Adalbert von Preußen heiratete.

Fanny Cerrito, Carlotta Grisi und Lucile Grahn kamen in der zweiten Hälfte der 1840er Jahre nur zu jeweils wenigen Vorstellungen nach Berlin. In den Kritiken wurden sie enthusiastisch gefeiert und dienten dabei einander als Referenzgrößen. So schrieb Ludwig Rellstab in der Vossischen Zeitung über Carlotta Grisi: „Wie sollen wir sie charakterisieren, ihren berühmten Vorgängerinnen gegenüber? Sie ist eine mittlere Proportionale aus Fanny Elsler (sic), Fanny Cerritto (sic) und Lucile Grahn!“ Nicht immer jedoch sorgte der internationale Ruhm des Gastes automatisch für volle Häuser: Beim zweiten Berliner Gastspiel von Fanny Cerrito und Arthur Saint-Léon (1847) vermeldete die Spenersche Zeitung: „Das Haus war weniger gefüllt, als es sich nach dem Namen und begründeten Ruf des Künstlerpaares erwarten ließ; ob die Erhöhung der Preise dazu beigetragen oder nicht, muß die Erfahrung bei den weiteren Darstellung des Herrn und der Mme. Cerrito-St. Léon lehren."

Immerhin machten diese Tänzerinnen so nachhaltigen Eindruck, dass noch 1860 der Kritiker Friedrich Tietz die junge russische Tänzerin Katharine Friedeberg bei ihrem Berliner Gastspiel mit eben diesen Berühmtheiten verglich: „Wenn sie in den zarten Nuancen an die (Pariser) Taglioni erinnert, so in der Volubiliät an die Cerito (sic), in der Mimik und Plastik an Fanny Elsler (sic).“

„Schwanensee" (Ch.: Patrice Bart nach Petipa u. Iwanow), Staatsballett Berlin; Foto © Frank-Rüdiger Berger