Sie sind hier

„Beine wie Schwanenhälse, so weich und ringelnd, mein' ich.“

Vorträge

„Beine wie Schwanenhälse, so weich und ringelnd, mein' ich.“

Das Ballett des 19. Jahrhunderts. Ein Überblick.

14. Juni 2010, 3. Karlsruher Ballettwoche, Badisches Staatstheater Karlsruhe

Zusammenfassung:

Zwei Reformer stehen an den jeweiligen Enden des 19. Jahrhunderts, das man analog zur Geschichtsschreibung auch für die Ballettgeschichte als „langes“ 19. Jahrhundert bezeichnen kann: Jean Georges Noverre und Michail Fokine. So wie Noverre sich (neben anderen) für die Abkehr von den erstarrten Traditionen der höfischen Tanzkunst einsetzte, so forderte weit über hundert Jahre später Fokine das Aufbrechen des in Formelhaftigkeit verhafteten zaristisch-klassischen Balletts Petipa'scher Prägung.

Die lange Zeit dazwischen war gekennzeichnet von weitreichenden Veränderungen. Diese betrafen einerseits den bühnentechnischen Bereich - z.B. mit der Einführung des Gaslichts auf der Bühne ab 1820 und des elektrischen Lichts ab 1849. Andererseits betrafen sie Kostüme und Tanztechnik und gingen dabei oft Hand in Hand: Die Verbesserung des Spitzenschuhs bis hin zur Einarbeitung einer festen Kappe ermöglichte es den Ballerinen, immer längere und immer virtuosere Passagen auf Spitze zu tanzen, und mit der Weiterentwicklung der Tanztechnik wurde das Tutu für die nötige Beinfreiheit immer kürzer.

Dies entsprach zudem im Zuge der zunehmenden Erotisierung des Balletts, die in der Nachfolge der Kommerzialisierung der Pariser Opéra und der Erfolgswelle des romantischen Balletts eintrat, dem herrschenden Publikumsgeschmack: Die Ballerina stand im Zentrum der Aufmerksamkeit, die männlichen Tänzer wurden zu Pas de deux-Partnern und komischen Rollen degradiert und ihre Rollen wurden durch „danseuses en travestie“, Tänzerinnen in zumeist knappen, als sehr „sexy“ empfundenen Kostümen, besetzt.

Der erstmals in Filippo Taglionis Ballett „La Sylphide“ (Paris, 1832) so erfolgreich eingeführte Gegensatz von realer und (wie auch immer gearteter) irrealer Welt bestimmte auf Jahrzehnte hinaus Inhalt und Struktur der Ballette, wobei sich im Laufe der Zeit das Augenmerk vom poetischen Gehalt des Werks weg hin auf die tanztechnische Brillanz der alles überstrahlenden Ballerina des späten 19. Jahrhunderts richtete.

 

„Schwanensee“ (Ch.: Patrice Bart nach Petipa u. Iwanow), Staatsballett Berlin; Foto © Frank-Rüdiger Berger