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„Dieses Ach! des Körpers“

Publikationen

„Dieses Ach! des Körpers“

Ballett zwischen politischer Demonstration und Weltstadt-Kunst

in: Hans Zehetmair, Jürgen Schläder (Hg.): Nationaltheater. Die Bayerische Staatsoper, München 1992, S. 119-130

Ein Auszug:

Die Münchner kennen die Frage aus den letzten Jahren zur Genüge: Ist oder wird München eine Ballettstadt? Neue Nahrung erhielt die Diskussion durch die Gründung des Bayerischen Staatsballetts zu Beginn der Spielzeit 1990/91. Das Bayerische Staatsballett soll durch möglichst große Eigenständigkeit in finanzieller und organisatorischer Hinsicht den kulturellen Attraktionen der Stadt (der berühmten Oper, den großen Orchestern, den Museen) auch ein Ballett mit entsprechendem Renommee hinzufügen. Welch ein Schritt: die institutionalisierte Anerkennung des Balletts als eigenständige Kunstform!

Davon konnte man im vergangenen Jahrhundert in München nur träumen. „Gleichwohl scheint das Münchener Ballet immer das Aschenbrödelchen geblieben zu sein“, stellte Ernst Kreowski 1892 fest, als er dem „Ballet des königlichen Hoftheaters“ in München ein „Erinnerungsblatt zur Feier seines 100jährigen Bestehens“ widmete. Man darf Kreowskis Einschätzung wohl für das gesamte vorige Jahrhundert verallgemeinern, denn immer wieder tauchen in Besprechungen Hinweise auf das „Aschenbrödel-Dasein“ des Balletts auf, z. B. am 29. März 1821 in der Zeitschrift Flora: „Auch das Ballet kommt selten oder gar nicht zum Vorschein, und ist ganz unthätig [...] Sodann stehen das Ballet und die Pantomime nie auf dem Repertoir, sondern werden nur als Lückenbüsser gebraucht. Es würde aber zur Erleichterung des Schauspiel-Personals und zur Vervollkommnung seiner Vorstellungen dienen, wenn wenigstens alle 14 Tage oder 3 Wochen ein Ballet wäre, und wäre es auch nur, um das Ballet-Corps in Thätigkeit und Übung zu halten.“ Oder auch mehrfach im Münchener Theater-Journal in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, z. B. am 27. März 1880: „Wir wünschen daher, daß auch ohne besonders störende Veranlassung, das Ballet, so wie überhaupt der Kultus des wahrhaft Schönen und Erhabenen bei unserer Bühne eine bleibende Stätte finden möge.“ Die vielleicht krasseste Aussage zum Ballett stammt aus dem Münchener Unterhaltungsblatt, Nr. 61, aus dem September 1840: „Vom Ballet schweigen wir. Die guten Leute reden ja auch nichts, warum sollen wir denn ihrethalber viel Wort machen.“
(...)

„Gleichwohl scheint das Münchener Ballet immer das Aschenbrödelchen geblieben zu sein“, schrieb Kreowski vor 100 Jahren - nun, ein „Aschenbrödelchen“ ist das Ballett sicherlich nicht mehr. Um München aber zu einer Ballettstadt zu machen, bedarf es wohl der Kooperation und der gemeinsamen Anstrengung aller Tanz-Institutionen. Bayerisches Staatsballett, das Ballett des Staatstheaters am Gärtnerplatz, die freie Szene mit ihren so unterschiedlichen Gruppen, die Tanz-Festivals und die Ballettschulen - nur sie zusammen können München zu einer Ballettstadt machen.

„La Sylphide“ (Ch.: Peter Schaufuss nach Bournonville), Staatsballett Berlin; Foto © Frank-Rüdiger Berger