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„Seine Musik ist durch und durch Ballettmusik...“

Publikationen

„Seine Musik ist durch und durch Ballettmusik...“

in: Programmheft „Schwanensee“. Hg.: Semperoper Sächsische Staatsoper Dresden. Dresden 2009, S. 34-39

Ein Auszug:

„Die wirkliche Berufung Tschaikowskys war das Ballett“ schrieb der Tänzer und Choreograph Michail Fokin 1913 anlässlich des 20. Todestags des Komponisten. 

(…)

Dass in Tschaikowskys sinfonischer Musik vielfach tänzerische Elemente vorkommen, wurde bereits zu seinen Lebzeiten diskutiert und wird für den Zuhörer im Konzert immer wieder erfahrbar. Nicht von ungefähr griffen viele Choreographen des 20. Jahrhunderts wie George Balanchine, Kenneth MacMillan und John Cranko, um nur einige zu nennen, für ihre Choreographien auch auf seine Instrumental- und Orchesterwerke zurück.

Umso mehr mag es aus heutiger Sicht überraschen, dass die Musik zu „Schwanensee“ von vielen Kritikern nach der Moskauer Uraufführung am 20. Februar 1877 als „einförmig und langweilig“, ja als „blass und äußerst monoton“ empfunden wurde.  "Für Musiker,“ so war zu lesen, „ist sie (die Musik) vielleicht eine interessante Sache, aber für das Publikum ist sie trocken.“ (…)

Auch in der weiteren Aufführungsgeschichte sind Musik und Libretto von „Schwanensee“ immer wieder bearbeitet, dem Geschmack der Zeit und den Intentionen des jeweiligen Choreographen angepasst worden. Dies schließt auch Bemühungen ein, anhand überlieferter Tanznotationen die Version von Petipa/Iwanow möglichst genau zu rekonstruieren, oder, rückgreifend auf Tschaikowskys Autograph, die Partitur wieder in der ursprünglichen, von ihm komponierten Form zum Erklingen zu bringen.

Diese lange, immer wieder aufs Neue stattfindende künstlerische Beschäftigung mit „Schwanensee“ zeigt, wie recht der namhafte russische Musikkritiker Hermann Laroche hatte, als er, weitaus verständiger als seine bereits zitierten Kollegen, über Tschaikowskys Partitur urteilte: „Seine Musik ist durch und durch Ballett-Musik von einer Qualität, die sie auch für den seriösen Musikfreund interessant macht.“

„La Sylphide“ (Ch.: Peter Schaufuss nach Bournonville), Staatsballett Berlin; Foto ® Frank-Rüdiger Berger