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Paul Taglioni in Berlin

Publikationen

Paul Taglioni in Berlin

Ein Zwischenbericht.

In: Gesellschaft für Tanzforschung e.V. (Hg.): Jahrbuch Tanzforschung Band 7, Wilhelmshaven 1997, S. 32-41

Ein Auszug:

Nach der Premiere des Balletts „Satanella“ am 28. April 1852 an der Berliner Hofoper urteilte der Rezensent der Theater-Vereins-Zeitung über den Choreographen: „Wie Meyerbeer der bedeutendste jetzt lebende Componist, so ist Taglioni der größte Choreograph!“ (Theater-Vereins-Zeitung für die Preußischen und Nordischen Bühnen, Berlin, 5.5.1852, 2). Nicht Filippo ist hier gemeint, sondern sein Sohn Paul, dessen heute so gut wie vergessenes Wirken den Verfasser der Premierenkritik zu diesem euphorischen Vergleich veranlaßte.

Mit dem Namen Taglioni werden heutzutage meist die Tänzerin Marie und ihr Vater Filippo in Verbindung gebracht - Marie als Inkarnation der romantischen Ballerina und ihr Vater als wichtiger Choreograph des romantischen Balletts.
Maries und Filippos europaweiter Ruhm und dessen Nachhall lassen die Arbeit von Maries jüngerem Bruder Paul in den Hintergrund treten, obwohl sein über fünfzigjähriges Wirken in Berlin dort eine ganze Ära prägte und er durch seine Arbeiten in Wien, Mailand, London u.a. auch überregional erfolgreich war.

Den gesellschaftlichen Stellenwert einer Ballettpremiere in Berlin zur Zeit Paul Taglionis schildert der Rezensent der Vossischen Zeitung anläßlich der Premiere von „Fantasca“: „Ein neues großes Ballet hat für Berlin noch immer die ganze Wucht nicht nur eines künstlerischen Ereignisses, sondern einer Haupt- und Staatsaktion. Die Tradition aus den Dreißiger Jahren ist in Bezug darauf noch nicht verloren gegangen, und der Geist der Väter zeigt sich auch in den Kindern mächtig. Wie der Derbytag in London selbst Ministerköpfe und Herzen von jeder Staatssorge und Regierungsarbeit befreit, und sie mit der Masse der Bevölkerung nur in dem einen gemeinsamen Interesse verbindet, so verscheucht bei uns der Tag, wo endlich die wunderbar neueste Phantasiegeburt des Herrn Taglioni aus dem Reich der Ideen und des Studiensaals ans Licht der Lampen treten soll, aus hoch- und niedrig gestellten Berliner Gemüthern noch immer wie in alten patriarchalischen Tagen Alles, was sie sonst bedrückt und beschäftigt und füllt sie mehr oder weniger mit der aufgeregten Spannung, der hochgestimmten Erwartung und (die niedrig gestellten wenigstens) mit der bangen Sorge um das unumgängliche Billet“ (Vossische Zeitung, 1.4.1869, Zweite Beilage, 2).
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Paul Taglionis Gesamtwerk wird im Nachruf des Deutschen Bühnen-Almanachs 1885 wie folgt gewürdigt: „Diese Ballets zeichnen sich dadurch aus, daß in ihnen Pracht der Ausstattung und der Gruppen-Entfaltung ebenso ihren Platz finden, wie die rein choreographische Kunst und die Gelegenheit zur Entwickung der Plastik und Mimik seitens der agirenden Hauptpersonen. In Bezug auf den Geschmack der Massen-Arrangements und deren Farben-Zusammenstellung wird Paul Taglioni auf lange hinaus ein unerreichtes Muster bleiben. Die neuere Balletschule legt freilich größeren Werth auf die tours de force der Solo-Tänzerinnen und auf die imponirende Massen-Evolutionen, als dies in Taglioni's Werken der Fall ist. Aber in Bezug auf die poetische Gestaltung der Handlung stehen die Werke des verstorbenen Meisters diesen modernen Ausstattungswerken weit voran.“
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„La Sylphide“ (Ch.: Peter Schaufuss nach Bournonville), Staatsballett Berlin; Foto © Frank-Rüdiger Berger